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Bluthochdruck bei älteren Patienten

Welches Alter ist überhaupt gemeint, wenn man von älteren Patienten oder Senioren spricht? Eine feste Definition gibt es nicht, allein schon weil der Alterungsprozess individuell unterschiedlich verläuft. Hier wird von der Altersgruppe der über 75-Jährigen ausgegangen. Während man früher die Bluthochdruckgrenzen noch altersabhängig definierte (100 plus Lebensalter in mmHg), gelten heutzutage auch für Senioren die allgemein gültigen Grenzwerte. Ab Werten von 140/90 mmHg besteht ein manifester Hypertonus. Eine gute Blutdruckeinstellung wird heutzutage als obligat für ältere Patienten angesehen, da zahlreiche Studien gezeigt haben, dass durch einen gut eingestellten Blutdruck die Folgeerkrankungen und Todesfälle in dieser Altersgruppe vermindert werden können. Auch über 80-Jährige profitieren also noch von einer Bluthochdrucktherapie.

Daten und Fakten

Ältere Menschen leiden wesentlich häufiger unter Bluthochdruck als jüngere. Bei Frauen über 75 Jahren weisen 75 Prozent einen Hypertonus auf, bei Männern sind es 65 Prozent. In den Industrieländern nimmt der systolische Blutdruck im Laufe des Lebens immer mehr zu. Der diastolische Wert steigt zunächst weiter mit an, um dann meist ab dem 60. Lebensjahr wieder abzufallen. Bei Senioren ist ein Bluthochdruck auch fast immer essenziell, das heißt, es lassen sich keine erkennbaren Ursachen ausmachen.

Therapierelevante Besonderheiten in dieser Altersgruppe

    Es gibt eine Reihe von Besonderheiten bei Senioren, die bei der Behandlung eine Rolle spielen können:
  • Viele ältere Menschen leiden gleichzeitig an mehreren Krankheiten. Im medizinischen Fachjargon spricht man dann von einer Multimorbidität (= "Vielkrankheit"). Die älteren Patienten nehmen daher häufig gleichzeitig mehrere unterschiedliche Medikamente ein. Auf Wechselwirkungen muss daher besonders geachtet werden.
  • Häufig bestehen auch Gedächtnisprobleme, was dazu führen kann, dass die Präparate evtl. nicht so regelmäßig genommen werden. Die regelmäßige Einnahme zu bestimmten Zeiten ist aber gerade in der Bluthochdrucktherapie sehr wichtig. Die Einnahmevorschriften sollten daher insbesondere bei älteren Bluthochdruckpatienten immer auch in schriftlicher Form vom Arzt mitgegeben werden. Fixe Kombipräparate sind auch günstig, da nicht zu viele Tabletten eingenommen werden müssen. Spezielle Tablettenbehälter, die im Vorhinein befüllt werden, haben sich auch als sinnvoll erwiesen.
  • Auch die Ernährungssituation stellt sich häufig schwierig dar, da im Alter der Appetit nachlässt. Oft findet man bestimmte Ernährungsdefizite. Es werden zu wenige Vitamine und Mineralien sowie frisches Obst und Gemüse verzehrt. Zudem ist die Abwechslung bei der Auswahl der Lebensmittel nicht groß. Die Folgen sind Untergewicht oder Mangelerkrankungen, wie bsp. Blutarmut.
  • Auch bestimmte Organfunktionen (Nierenfunktion!) lassen im Alter nach, was eine Therapie weiter erschweren kann.
  • Mögliche Komplikationen des Bluthochdrucks sind wahrscheinlicher, allein schon weil das Risiko einen Herzinfarkt oder Schlaganfall in diesem Alter zu erleiden, von vornherein erhöht ist.
  • Auch Phänomene wie ein Pseudohypertonus können auftreten. Bei der normalen Blutdruckmessung werden erhöhte Blutdruckwerte angezeigt, obwohl diese gar nicht bestehen. Bei manchen älteren Patienten sind die Arterien dermaßen starr und verkalkt, dass der Druck, der nötig ist, um die Gefäße beim Blutdruckmessen zusammenzudrücken, unverhältnismäßig hoch ist. Bei der Messung wird nicht der Druck angezeigt, der wirklich im Gefäß herrscht, sondern ein höherer. Bei Verdacht auf dieses Phänomen wird der Mediziner evtl. eine besondere Blutdruckmessung (intraarteriell invasiv) veranlassen.

Alterstypische Ursachen für den Bluthochdruck

Neben den üblichen Gründen, die eine primäre oder sekundäre Hypertonie verursachen, treten bei Senioren auch noch andere Ursachen gehäuft auf. Dazu zählen:
  • Viele ältere Menschen leiden unter Gelenkerkrankungen. Sie nehmen daher sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika ein. In diese Wirkstoffklasse gehören Ibuprofen und Diclofenac. Diese Mittel führen leicht zu einer Blutdruckerhöhung.
  • Vor allem bei älteren Menschen ist auch die Weißkittelhypertonie häufig und besonders stark ausgeprägt. Misst der Arzt den Blutdruck, so kann er leicht um 10 mmHg höher sein als normal. Um die unverfälschten Blutdruckwerte zu erhalten, sollten daher gerade Senioren häufig zu Hause den Blutdruck messen.
  • Die Nierenfunktion (Durchblutung) nimmt nach dem 30. Lebensjahr ab. Pro Lebensjahrzehnt sind es circa 10 Prozent. Liegen weitere Erkrankungen, wie Herzinsuffizienz, Diabetes oder ein bereits bestehender Bluthochdruck vor, so ist die Durchblutung noch schlechter. Diese Einschränkung wird häufig aber erst zu spät erkannt. Die Funktionseinschränkung der Nieren im Alter führt dazu, dass nicht mehr so viel Wasser und Salz ausgeschieden wird. Die Ansammlung der beiden Verbindungen im Blutkreislauf führt zu einem höheren Blutdruck. Dieser wiederum schädigt die Nieren weiter.
  • Bei vielen älteren Menschen reduziert sich die Bildung von Stickoxid (NO) in den Gefäßwänden. Die Stickstoffverbindung ist wichtig für die Entspannung der Gefäßmuskulatur. Fehlt die Substanz, führt dies zu einer Blutdruckerhöhung.

Nichtmedikamentöse Therapie im Alter

Wie bei jüngeren Hypertonikern führt auch bei Senioren eine Umstellung der Lebensgewohnheiten (= Lifestyle-Modifikation) zu einer Senkung des Blutdrucks. Ziel ist es, sich ausreichend an frischer Luft zu bewegen, wenig Alkohol zu konsumieren und vor allem das Gewicht und den Kochsalzkonsum zu normalisieren. Auch eine Ernährungsumstellung (DASH-Diät) ist empfehlenswert. Die Effektivität der Maßnahmen ist auch im höheren Lebensalter belegt, die Umsetzung fällt jedoch oft sehr schwer.

Medikamentöse Bluthochdrucktherapie im Alter

Eine zusätzliche medikamentöse Therapie sollte immer dann erwogen werden, wenn die Blutdruckwerte trotz nichtmedikamentöser Maßnahmen 160/100 mmHg übersteigen. Liegt der Blutdruck zwischen 140 und 160 mmHg, spricht man von einer Grauzone. Leiden die Patienten nicht zusätzlich unter Komplikationen oder Begleiterkrankungen des Bluthochdrucks, so profitieren sie bei diesen Werten nicht sicher von einem Mittel gegen Bluthochdruck. Eine Therapie mit Bluthochdruckmitteln sollte aber in jedem Fall erfolgen, wenn bereits Schädigungen am Herzen, den Arterien oder dem Gehirn bekannt sind. Auf folgende Punkte sollte bei der Einnahme von Bluthochdruckmitteln besonders geachtet werden:
  • Die medikamentöse Therapie sollte - altersunabhängig - dauerhaft erfolgen. Überdacht werden muss die Behandlung, wenn Nebenwirkungen auftreten.
  • Eine einmalige Tabletteneinahme täglich ist optimal. Sie ist einfacher durchzuführen.
  • Das Bluthochdruckmedikament sollte auf die Begleiterkrankungen (Diabetes, Herzinsuffizienz usw.) abgestimmt sein.
  • Besonders bei älteren Menschen muss auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geachtet werden, da sie häufig sehr viele verschiedene Mittel gegen unterschiedlichste Leiden einnehmen.
  • Am besten ist es, immer erst mit der halben Anfangsdosis zu beginnen (= ein Viertel der normalen Erhaltungsdosis). Je nach Ausgangsblutdruck sollte vorsichtig in Intervallen von mehreren Wochen zuerst die Dosis gesteigert bzw. ein zweites Antihypertensivum dazugenommen werden (bsp. bei einem Kombination von ACE-Hemmer und Diuretikum).
  • Der Patient muss in der Lage sein, die Tabletten selbst zu nehmen und gegebenenfalls auch zu teilen. Ist dies nicht gewährleistet, muss für entsprechende Hilfen gesorgt werden. Dazu zählen bsp. leicht zu öffnende Verpackungen, Bereitlegen der Tabletten durch die Angehörigen usw..

Eignung der verschiedenen Medikamentenklassen bei Senioren

- Diuretika (z.B. Furosemid, Torasemid, Hydrochlorthiazid):
Als Mittel der ersten Wahl werden bei älteren Patienten am häufigsten Diuretika eingesetzt, da sie das Auftreten von Folgeerkrankungen (Schlaganfall, Herzinsuffizienz) reduzieren. Sie sind potente und preislich günstige Blutdrucksenker; jedoch muss beachtet werden, dass ältere Menschen im Allgemeinen bereits aufgrund des reduzierten Durstgefühls eine verminderte Flüssigkeitsaufnahme haben. Eine vermehrte Ausscheidung von Flüssigkeit über den Urin (= Wirkung der Diuretika), führt daher bei Senioren leichter zu einer zunehmenden Austrocknung mit Verwirrtheit sowie einer zunehmenden Einschränkung der Nierenfunktion mit Verlust bestimmter Blutsalze (v.a. Natrium und Kalium). Daher sollten unter dieser Therapie regelmäßige Kontrollen der Elektrolyte und Nierenwerte erfolgen.

- Betablocker (z.B. Metoprolol):
Diese Medikamente sind Mittel der zweiten Wahl. Günstig sind sie eher für ältere Patienten mit zusätzlichen kardialen Erkrankungen, wie koronare Herzkrankheit, Zustand nach Herzinfarkt, tachykarde Rhythmusstörungen (z.B. Vorhofflimmern) und Herzinsuffizienz. Der blutdrucksenkende Effekt fällt gegenüber den Diuretika etwas geringer aus. Bei der Einnahme von Betablockern sollten regelmäßige EKG-Kontrollen durchgeführt werden, um bedrohliche Bradykardien (Verlangsamung der Herzfrequenz) zu vermeiden.

- Kalziumantagonisten (z.B. Amlodipin, Nitrendipin, Nifedipin):
Diese Wirkstoffgruppe ist den oben genannten Wirkstoffen nicht überlegen und findet daher eher als Zusatzkombinationsmittel Anwendung.

- ACE-Hemmer (z.B. Ramipril, Enalapril, Captopril):
ACE-Hemmer sind den oben genannten Substanzen (Diuretika, Betablocker) ebenbürtig. Ihr Einsatz ist im Alter auf großer Breite möglich und sinnvoll. Bei dieser Substanzklasse ist von Vorteil, dass keine Kontraindikationen, beispielsweise für Patienten mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen oder peripheren Durchblutungsstörungen, bestehen. Ebenso beeinflussen sie nachgewiesenermaßen im positiven Sinne Erkrankungen wie eine Herz- und Niereninsuffizienz; ebenso gut wird ihre Wirkung nach einem Herzinfarkt beurteilt. Auch die Prognose in Bezug auf Herz-Kreislauferkrankungen bei bestehendem Diabetes mellitus ist unter diesen Substanzen günstig.

- AT-1-Blocker (z.B. Lorsartan):
Diese Mittel sind im Prinzip Ersatzpräparate für Patienten, die ACE-Hemmer nicht so gut vertragen, da sie in ihrer Wirkungsweise sehr ähnlich sind. Das Nebenwirkungsprofil ist allerdings günstiger. Die Mittel sind aber vergleichsweise teuer.

- Alpha-Blocker (z.B.Catapressan):
Diese Medikamente können orthostatische Blutdruckabfälle (siehe unten) hervorrufen, die kardiovaskuläre Komplikationsrate sowie die Herzinsuffizienz verschlechtern und sollten daher ebenso wie zentral wirksame Antisympathotonika mit Ausnahme streng gestellter Indikationen (z. B. bei gutartiger Prostatahyperplasie) vermieden werden

Auf was muss bei der Behandlung unbedingt noch geachtet werden?

Bei ungefähr 10 Prozent aller behandelten Patienten kommt es zu starken Abfällen des Blutdrucks (mehr als 20 mmHg), wenn Sie aufstehen. Dieses Phänomen nennt man orthostatische Dysregulation. Das Blut versackt regelrecht in den Beinen. Die äußeren Anzeichen sind Schwindel, Sehstörungen oder gar Bewusstlosigkeit. Die erhöhte Sturzgefahr ist besonders für Senioren gefährlich.

Dieser Blutdruckabfall lässt sich durch folgende Maßnahmen in gewissem Maße beheben:
  • Das Bewegen der Füße und Beine bewirkt eine Unterstützung des Blutrückflusses zum Herzen.
  • Flüssigkeitsdefizite müssen unbedingt ausgeglichen werden.
  • Eine optimale Einstellung des Blutdrucks hilft diese Blutdrucksenkung zu verhindern.
  • Günstig erweist sich auch das Tragen von Stützstrümpfen. Dies ist besonders angezeigt, wenn eine Venenschwäche schon bekannt ist.
  • Bei anhaltenden Flüssigkeitsverlusten (Erbrechen, Durchfall) sollte - nach Rücksprache mit dem Arzt - erwogen werden, die Medikamentendosis zu reduzieren.
med. Redaktion Dr. med. Werner Kellner
Aktualisierung 26.11.2009



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